Delokalisation, Figuration, Archiv

Algerische Beiträge zu einem minoritären Kino und zum Versprechen gesellschaftlicher Solidarität

In Andenken an Elisabeth Büttner, deren Tod eine schmerzhafte Lücke in das Dasein reißt.

In Dankbarkeit für ihre Freude am rastlosen Denken, ihren ungekannten Mut zur Verunsicherung, ihre filigrane Poesie der Vielschichtigkeit.

In Dankbarkeit für ihre Gemeinschaft und ihren Halt, wenn wir den verwischten Fluchtlinien in die entlegenen Winkel der Bilder, Texte und Archive folgten und „die Dinge auf den Kopf stellten“.

In Gedanken und aufrichtiger Anteilnahme mit allen Angehörigen, Familie und Freund_innen.

Viktoria

Beteiligte WissenschaftlerInnen

Forschungsgebiete

"Autant et plus qu'une chose du passé, avant elle, l'archive devrait mettre en cause la venue de l'avenir." (Derrida 1995)

In den Brüchen zwischen kolonialer Ordnung und nationalstaatlicher Selbstbestimmung werden in Algerien seit den späten 1950er Jahren Filme produziert, die sich in ihren Bildern Prozessen des subject und nation buildings sowie den angrenzenden Spielräumen politischen Handelns zuwenden. Jene Filme stehen im Mittelpunkt dieses Projekts. Sie entstammen von Beginn an dem Filmen an der Grenze, einem "interiorisierten Außen" (Butler/Spivak 2007). Sie umreißen fragile Situationen, welche unablässig Delokalisierungen von Zeiten, Personen, Blicken, Gesten und Formen bewirken. Zugleich sind die Filme selbst Bewegungen ausgesetzt, die sie mitunter (fast) zum Verschwinden bringen.

Heute zeichnen die physischen Wanderungen der damaligen Filmrollen vielfältige Routen durch Europa und Nordafrika nach. Sie konturieren spezifische politische Kon- und Transfigurationen der Solidarität anti-kolonialer Bewegungen sowie von FilmemacherInnen des "Dritten Kinos". Das Projekt untersucht die Spuren dieser Solidaritäten. Dies bedeutet, dem Zusammenhalt der Filme jenseits von Repräsentation und Homogenisierungsprozessen zu begegnen, sich in einem "unbestimmten, tastenden Gemeinschaftsdiskurs" (Bhabha 1997) zu bewegen.

Ort der Begegnungen von Bild und Gemeinschaft, von Geschichtlichkeit und Kommendem, von Figur und Veränderung ist das Archiv. Es entzieht sich in seiner Form des Archipels jeder Abgeschlossenheit und unterliegt ambivalenten Kräften von Zugehörigkeit und Ausschluss. Die bewegten Bilder des algerischen Kinos siedeln zwischen Zensur und staatlicher Auftragsarbeit, Bewahrung und Zerfall, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des (Für-)Sprechens und Zeigens problematisierter Thematiken wie De-Platzierung, Exil, Flucht und (bewaffnetem) Widerstand. Sie entwerfen ein minoritäres Kino im unscharfen Zwischenraum von "politische Filme machen" und "Filme politisch machen", halten Bewegungen des wiederholten Sich-Entziehens autoritär gesetzter Blick-, Sprach- und Staatsordnungen wach.

"Here and there and never in the same place" (Lipinska 2014) führt dieses Kino in ein anderes Denken von Mobilität ein. Es verschränkt im Archiv die Konstanten von Bleibe, Um- und Aufbruch. Die verstreuten Filme des algerischen Kinos werden zum "Ort der Anfechtung" (Ebeling 2007), während die Bilder im Schatten ihrer Geschichtlichkeit "einen Kampf für eine andere Welt, das Versprechen einer anderen Menschlichkeit" (Comolli 2013) der Zukunft bereit halten.

Literatur

Bhabha, Homi K.: "Globale Ängste." In: Weibel, Peter / Slavoj Zizek (Hg.): Inklusion. Exklusion. Probleme des Postkolonialismus und der globalen Migration. Wien 1997, S. 19-43.

Butler, Judith / Gayatri Chakravorty Spivak: Sprache, Politik, Zugehörigkeit. Berlin/ Zürich 2007.

Comolli, Jean-Louis: "Oralität und Orakel. Zur Trennung von Körper und Stimme." In: Kamensky, Volko / Julian Rohrhuber (Hg.): Ton. Texte zur Akustik im Dokumentarfilm. Berlin 2013, S. 228-251.

Derrida, Jacques: Mal d'Archive. Une impression freudienne. Paris 1995.

Ebeling, Knut: "Die Asche des Archivs." In: Didi-Huberman, Georges / Knut Ebeling: Das Archiv brennt. Berlin 2007, S. 33-183.

Lipinska, Suzanne: "Two Weeks with the Guinea-Bissau Liberation Army I." (Original erschienen in: Africasia, Nr.16, 1970) In: Abonnenc, Mathieu Kleyebe (Hg.): Filming with the Balanta People. (Herausgegeben anlässlich der Ausstellungen L’oeil se noie und Cinéma chez les Balantas) Ghent / Toronto 2014, S. 1-12.