Call for Papers

Entangled Im/Mobilities:
Perspektiven aus den Geistes- und Sozialwissenschaften

18.-20. März 2021
Universität Wien

In Zeiten der Krise treten globale sowie lokale Im/Mobilitätsstrukturen besonders deutlich zutage, wenngleich diese nicht vollständig transparent werden. Wie die COVID-19-Pandemie neuerlich vor Augen geführt hat, sind vielfältige Formen der Im/Mobilität in soziale Zusammenhänge, Praktiken und Strukturen eingebettet, die diese hervorbringen und konstituieren. In den letzten Jahrzehnten sind solche Im/Mobilitätsverschränkungen (entangled im/mobilities) verstärkt in den Fokus akademischer Debatten gerückt und im Kontext der Mobility Studies konzeptualisiert worden. Das breit angelegte Forschungsfeld, das interdisziplinäre Perspektiven unter dem zentralen Paradigma der Mobility vereint, befasst sich mit Themen, die von Im/Mobilitäten durch Klimawandel oder (post-)koloniale Vertreibung über Erfahrungsqualitäten verkörperter Bewegungen bis hin zu kulturellen und literarischen Repräsentationen sowie Materialisierungen von Im/Mobilitäten reichen.

Die von der Forschungsplattform Mobile Kulturen und Gesellschaften organisierte Konferenz versteht solche Im/Mobilitäten (im/mobilities) als Bewegungen und Stillstandsmomente, »entangled in the way societies and cultures assign meaning through talk, images and other representations and lives« (Adey, bezugnehmend auf Cresswell 2017: 7). Die vielschichtigen Verschränkungen, Verwicklungen oder Verflechtungen (entanglements) zwischen mobilen und immobilen Akteur*innen, Praktiken und Objekten sind dabei mit unterschiedlichen regimes of mobility (Glick Schiller/Salazar 2013) verknüpft, aus denen sich ungleiche Machtverhältnisse ablesen lassen. Durch machtgesättigte Zusammenhänge, die etwa aus (post-)kolonialen Strukturen resultieren, können translokale Im/Mobilitäten mitunter aufrechterhalten oder befördert werden »to keep global power in motion« (Tsing 2005: 6). Andere Ebenen und Formen von entanglements ergeben sich aus Verbindungen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteur*innen, materiellen Objekten, unbebauter und bebauter Umwelt oder raumzeitlichen Strukturierungen. Dabei sind diese Im/Mobilitätsverschränkungen stets in semantische Kontexte und Bedeutungszusammenhänge eingelassen, die nicht selten Gegenstand künstlerischer Darstellungen und epistemischer Erkundungen werden oder sich in institutionalisierten Diskursen und Policies niederschlagen. Um ein möglichst breites Spektrum an Themen abzudecken und sozial- und geisteswissenschaftliche Perspektiven miteinander zu verbinden, werden bei der Konferenz sechs verschiedene Panels angeboten:

1: Verwickelte Ungleichheiten: Intersektionale Ansätze zur Analyse öffentlicher Gesundheitskrisen

2: Points of Entanglement in der Karibik und in der Diaspora

3: Entangled im/mobilities in postkolonialer afrikanischer Geschichte

4: Von anderen Mobilitäten. Verflochtene Verkörperungen und Narrative zwischen Stilllegung und Mobilisierung

5: Mobilitätsgerechtigkeit? Die unterrepräsentierte Verflechtung von Immobilitäten im Klima/Umweltwandel-Kontext

6: Offenes Panel für Themen, die sich nicht in Panels 1–5 einordnen lassen

Mit unserer Konferenz wollen wir der Frage nachgehen, wie eine differenzierte Sicht auf verwobene Im/Mobilitäten komplexe, durch geographische, kulturelle und historische Kontexte geprägte Bedeutungszusammenhänge erkennbar werden lässt. Vor allem begrüßen wir Beiträge, die über eurozentrische Perspektiven und Formen von Wissensproduktion hinausgehen. Da Mobilität stets eng mit Immobilität verknüpft ist, suchen wir Beiträge, die erfragen, wie Mobilitäten und Immobilitäten zusammenspielen und gemeinsam konstituiert werden.

Wir wollen einen Dialog sowohl zwischen unterschiedlichen Fachrichtungen als auch zwischen akademischen und nichtakademischen Teilnehmer*innen eröffnen. Deutschsprachige und englischsprachige Proposals können zu einem Paper im Rahmen eines Panels (ein 20-minütiger Vortrag mit anschließender Diskussion) oder zu einem künstlerischen Beitrag (z.B. in Form einer Performance, eines Gedichtvortrags oder eines Kurzfilms) eingereicht werden. Vor allem möchten wir Jungwissenschaftler* innen und Wissenschaftler*innen im Anfangsstadium ihrer Karriere zu einer Einreichung ermutigen.


Liste der Panels

1: Verwickelte Ungleichheiten: Intersektionale Ansätze zur Analyse öffentlicher Gesundheitskrisen
In diesem Panel suchen wir Beiträge, die analysieren, wie verschiedene Achsen der Ungleichheit, der sozialen Mobilität und der Immobilität im Kontext von Pandemien und Krisen der öffentlichen Gesundheit miteinander verwoben sind. Wir begrüßen insbesondere Beiträge, die Intersektionalität als Analyseperspektive für das Verständnis kritischer sozioökonomische Fragen anwenden. Ziel des Panels ist es, zu erfassen, wie verschiedene Aspekte einer Gesundheitskrise, wie z.B. HIV, Ebola oder COVID-19, Ungleichheiten aufgrund von Geschlecht, Klasse und ethnischer Zugehörigkeit in ihren verstrickten historischen, Mikro- und Makro-Dimensionen (wieder) herstellen.

  • Wie kann die Verstrickung von (sozialen) Immobilitäten/Mobilitäten als eine Frage der Intersektionalität konzeptualisiert werden?
  • Welche Ungleichheiten werden durch eine Situation verschärft, die Strukturen, Institutionen und Muster der sozialen Reproduktion auf die Probe stellt? Wie hängen diese Ungleichheiten zusammen?
  • Welche methodischen Ansätze sind besonders geeignet, um neue Einsichten in Ungleichheiten in einer Krise der öffentlichen Gesundheit zu liefern?


2: Points of Entanglement in der Karibik und ihrer Diaspora

In diesem Panel suchen wir Vorträge, die der Frage nachgehen, wie entanglements unterschiedlicher Formen karibikbezogener Mobilität und Immobilität konstituiert und generiert werden. Das kann sowohl die Diaspora als auch interkaribische Im/Mobilitäten miteinschließen. Mobilitäten und Immobilitäten haben die Karibik nachhaltig und bis zum heutigen Tag geformt. Édouard Glissant, einer der wichtigsten karibischen Theoretiker, spricht in diesem Zusammenhang von points of entanglement, in denen sich karibisch geprägte Erfahrungen sowie kulturelles Schaffen kristallisieren. Vor allem interessieren uns Beiträge, die solche points of entanglement in Literatur, Film und anderen Kunstformen in den Blick nehmen und untersuchen, wie diese Verflechtungen in der Karibik und ihrer Diaspora nachwirken.

  • Wie werden in künstlerischen Arbeiten solche »Punkte der Verflechtung« ausgearbeitet, dargestellt, umgesetzt oder problematisiert?
  • Wie spiegeln sich diese entanglements in der Karibik wider und wie verschränken sich diese mit anderen Teilen der Welt?
  • Wie könnte eine gegenwärtige Theorie karibischer entanglements aussehen?


3: Entangled im/mobilities in postkolonialer afrikanischer Geschichte

Die Vielzahl der Manifestationen von Mobilität und Immobilität im postkolonialen Afrika erstreckt sich innerhalb und über nationale und kontinentale Grenzen sowie über den geographischen und sozialen Raum hinweg. In den Beiträgen zu diesem Panel sollen historische Methoden zur Anwendung kommen/diskutiert werden, welche die Untersuchung einiger dieser Manifestationen – zum Beispiel Arbeitsmigration, tertiäre Bildung im Ausland oder die räumliche und soziale Im/Mobilität von Frauen - und die damit einhergehenden Verflechtungen (entanglements) mit Staaten, politischen Akteur*innen, Lokalitäten, Ungleichheiten usw. über einen bestimmten Zeitraum erlauben. Während der Hauptfokus des Panels auf der Im/Mobilität von Menschen in der postkolonialen Periode liegt, sind Beiträge, welche die Verflechtungen von menschlicher und nicht-menschlicher Im/Mobilität sowie longue durée Perspektiven, die in koloniale oder präkoloniale Vergangenheiten zurückreichen, ebenfalls willkommen. Beiträge zu diesem Panel können sich mit den folgenden Fragen befassen:

  • Wie können Verflechtungen aus einer historischen Perspektive konzeptualisiert werden, sowohl in einer räumlichen als auch zeitlichen Dimension?
  • Wie lassen sich Vorstellungen von Handlungsmacht (agency), Abhängigkeit und Ungleichheit durch eine verschränkte Perspektive auf Im/ Mobilitäten fassen?
  • Auf welche Weise können methodologische Ansätze wie Oral History und persönliche Lebensgeschichten zu einem besseren Verständnis beitragen, wie Immobilitäten/Mobilitäten mit strukturellen Kontexten verwoben sind?


4: Von anderen Mobilitäten. Verflochtene Verkörperungen und Narrative zwischen Stilllegung und Mobilisierung

In diesem Panel suchen wir nach Beiträgen, die gezielt in den Zwischenräumen von Bewegung und Stillstand operieren. Wir möchten uns auf eine Spurensuche nach materiellen wie narrativen Gefügen und Verbindungen begeben, die scheinbar universal gültige Klassifizierungstechniken in Frage stellen und (Darstellungs-)Räume für vielschichtige Mobilitätsmodi öffnen. Besonders Denk-, Handlungs- und Erzählweisen alternativer raum-zeitlicher Lokalisierungen und Materialisierungen in entsprechenden literarischen Texten und Gegenständen der materiellen Kultur sollen in den Vordergrund gerückt werden.

  • Welche Darstellungsformen von Mobilität lassen sich in literarischen Texten ausmachen, die die Dichotomie von Bewegung und Stillstand unterlaufen?
  • Inwiefern können Objekte und Körper, wenn sie mobil werden, statische Ordnungsmodelle aufspüren und öffnen?
  • Auf welche Weise können Prozesse der Stilllegung Mobilitäten erzeugen und wie kann Mobilisierung Stillstand generieren?


5: Mobilitätsgerechtigkeit? Die unterrepräsentierte Verflechtung von Immobilitäten im Klima/Umweltwandel-Kontext

In diesem Panel suchen wir nach Papers, die menschliche Immobilitäten im Klima/Umweltwandel-Kontext analysieren. Dabei freuen wir uns auf Einreichungen auf policy, Diskurs- oder methodologischer Ebene sowie auf Fallstudien mit Fokus auf immobilen Wahrnehmungen und Verläufen. Die Frage, wie sich Forscher*innen konstruktiv mit dem Sesshaftigkeitsparadigma und all seinen Konnotationen im Nexus »Klima/Umweltwandel- Immobilität« auseinandersetzen können, ist dabei von zentraler Bedeutung. Herangehensweisen, die mobility regimes kritisch hinterfragen und über disziplinäre Grenzen hinausdenken, sind ausdrücklich erwünscht. Für ein breiteres Verständnis verschiedener mobility regimes, die konstitutiv und ausschlaggebend für Immobilitäten sein können (vgl. Sheller 2018: 23), stehen folgende Fragen im Interesse des Panels:

  • Inwiefern sind unterschiedliche Zugänge sowie (Ausdrucks)Mittel und Modalitäten mit umweltbedingten Immobilitäten verflochten?
  • In welchem Ausmaß können räumliche Strukturen und Formen des Mobilitätsmanagements umweltbedingte Immobilitäten fördern bzw. hemmen?
  • Wie wird Mobilitätsgerechtigkeit über verschiedene Dimensionen hinweg (lokal, regional, urban, national, und global) in deinem/Ihrem Forschungsansatz konzeptualisiert?


6: Offenes Panel für Themen, die sich nicht in Panels 1–5 einordnen lassen


Alle Panels werden organisiert und moderiert von Doktorand*innen der Forschungsplattform Mobile Kulturen und Gesellschaften.


Proposals sind in PDF-Form mit den folgenden Informationen an die E-Mail-Adresse entangled.mobilities@univie.ac.at einzureichen: Name, biographische Kurznotiz (100 Wörter), Kontaktinformation, Titel des Vortrags, Abstract (max. 250 Wörter) sowie Name des Panel, dem das Proposal zuzuordnen ist (s. Liste der Panel). Wir bitten, in die Betreffzeile der E-Mail »Bewerbung + Panel [1–6]« zu schreiben und die Datei nach dem Format »Panel [1–6]_Name_Keyword des Themas« zu benennen.

Einreichfrist ist der 30. September 2020.
Zu- und Absagen werden im November verschickt.

Konferenzgebühren gibt es keine. Finanzielle Unterstützung ist eventuell verfügbar; wir werden im Herbst ausführlicher dazu informieren. Ein etwaiger Wunsch nach finanzieller Unterstützung kann in der Bewerbungsemail angegeben werden.

Anmerkung zu COVID-19-Reisebeschränkungen: Wir haben vor, die zur Konferenz eingeladenen Teilnehmer*innen bis November zu kontaktieren, damit genug Zeit für die Reiseplanung bleibt. Nach jetzigem Stand soll die Konferenz vor Ort und in Person stattfinden, aber wir kommen auch gerne Teilnehmer*innen entgegen, die lieber online vortragen würden bzw. nur online vortragen können.


Adey, Peter (2017): Mobility. Second edition. London, New York, NY: Routledge (Key ideas in Geography).
Glick Schiller, Nina; Salazar, Noel B. (2013): Regimes of Mobility Across the Globe. In Journal of Ethnic and Migration Studies 39 (2), pp. 183–200.
Sheller, Mimi (2018): Theorising Mobility Justice. In Tempo Soc. 30 (2), pp. 17–34.
Tsing, Anna (2008): Friction: An Ethnography of Global Connection. Princeton, NJ: Princeton University Press.